Die Sache mit der neurologischen Reife

Immer wieder ist es das scheinbar zwingendste Gegenargument zu Windelfrei: Babys sind neurologisch noch nicht ausgereift. Deswegen können sie erst mit 2-3 Jahren so weit sein, ihre Ausscheidungen zu spüren und zu kontrollieren.

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Die Wahrheit ist: Ja, Babys sind neurologisch noch nicht ausgereift. Das gilt aber für das ganze frisch geborene Menschenkind! Die Ummantelung der Nervenzellen fehlt noch, sie wird gebraucht um die Informationen mit Höchstgeschwindigkeit transportieren zu können. Diese Entwicklung ist im Alter von 2 Jahren weitgehend abgeschlossen. Zusätzlich bilden die Nervenzellen im Gehirn in den ersten drei Lebensjahren tausende Verbindungen zu anderen Nervenzellen aus und befähigen das Kind zu komplexen Handlungen und Bewegungsabläufen.

Es stimmt also, die neurologische Reife ist am Anfang noch nicht da. Das Neugeborene kann seine Arme und Beine noch nicht kontrolliert bewegen, es kann noch nicht gezielt greifen, es kann weder sprechen noch scharf sehen noch seine Ausscheidungen vollständig kontrollieren.

Der menschliche Körper hat ca. 650 Muskeln. Die Steuerung all dieser Muskeln ist bei der Geburt nicht ausgereift. Aber niemand würde auf die Idee kommen, mit der Nutzung z.B. der Arm- und Beinmuskeln 2-3 Jahre zu warten! Das gilt nur für die Schliessmuskeln von Blase und Darm.

Während also z.B. der Übergang vom reflexhaften Bewegen der Arme und Hände zur gezielten Bewegung, zum Greifen, Klatschen, Werfen oder Löffel benutzen in jeder Facette (zu Recht!) bewundert und gefördert wird, gilt für die Schliessmuskulatur: möglichst ignorieren.

Wer mit seinen Kindern Windelfrei praktiziert, stösst da schnell auf Unverständnis oder wird sogar beschuldigt, seine Kinder nachhaltig zu schädigen. Woher kommt das?

Die Vorstellung von auf dem Töpfchen sitzenden Babys weckt schnell Assoziationen zur rigiden Sauberkeitserziehung Anfang des 20. Jahrhunderts, Teil der sog. „schwarzen Pädagogik“. Die noch sehr kleinen Kinder wurden nach Zeitplan aufs Töpfchen gezwungen und durften erst aufstehen, wenn etwas im Töpfchen war. Dass Windelfrei mit diesen Praktiken absolut nichts zu tun hat, dringt dann oft nicht mehr richtig durch.

Als Gegenentwurf zur strengen und frühen Sauberkeitserziehung veröffentlichte Anfang der 1960er Jahre  ein amerikanischer Kinderarzt eine Arbeit, in der er den Beginn mit einem sanften Töpfchen-Training um das 2. Lebensjahr empfahl. (A Child-Oriented Approach To Toilet Training, TB Brazelton, 1962) Die Kinder seien zu diesem Zeitpunkt körperlich und emotional bereit, selbstständig das Töpfchen zu benutzen, nachdem sie langsam damit vertraut gemacht wurden.

Er beschreibt in der Arbeit aber auch, dass Babys schon weit vor dem 1. Geburtstag zu einer gewissen Schliessmuskelkontrolle fähig sind, auch wenn die neurologische Ausreifung der Nervenbahnen frühestens mit 18 Monaten abgeschlossen sei. Durch die Art und Weise des zu seiner Zeit üblichen Trainings hatte er jedoch schädliche Auswirkungen beobachtet, viele Kinder entwickelten chronische Verstopfungen, einige sogar psychische Störungen, die er auf die Sauberkeitserziehung zurückführte.

Dr. Brazelton versuchte mit seinem Ansatz Eltern und Kindern den Druck und den Stress aus der Situation zu nehmen. Das war zu seiner Zeit gut und wichtig. Wann genau aus diesem Ansatz ein dogmatisches „wer vor dem 2. Lebensjahr beginnt schadet grundsätzlich seinem Kind“ geworden ist, kann ich nicht sagen. Aber nachdem ich den vollständigen Artikel gelesen habe, finde ich dort keinen Grund der gegen Windelfrei im Rahmen eines heutigen, bedürfnisorientierten Erziehungsstils spricht.

Liebe Eltern, lasst euch von Anderen nicht verrückt machen! Das Argument der neurologischen Reife ist überholt und scheint mir auf einer falsch verstandenen Vereinfachung der komplexen physiologischen Reifungsprozesse im kindlichen Körper zu beruhen. Dem Kind wird geschadet durch Druck, Zwang und Gewalt.

Windelfrei hingegen lebt von Liebe, Geduld und Zeit!

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