Windelfrei zu praktizieren bedeutet dein Baby ohne Windel ausscheiden zu lassen, wenn es mal muss. So oft oder so selten, wie es für euch stressfrei möglich ist. In der Zwischenzeit kann es eine Windel tragen, manchmal, in bestimmten Situationen, oder auch immer. Dabei geht es vor allem um die Kommunikation mit deinem Baby, die neben z.B. Hunger und Müdigkeit einfach um ein Thema erweitert wird.

 

Du ziehst dein Baby aus und bringst es in eine Position, die für euch beide bequem ist. Dabei hältst du es über ein Gefäß, ein Töpfchen oder die Toilette. Du sagst ihm mit Worten oder einem Signalgeräusch, dass es nun loslegen kann. In der Windelfrei-Welt heisst das auch „Abhalten“, in der „Abhalteposition“.  Du wartest, bis dein Baby sich erleichtert hat und kannst es dann säubern und wieder anziehen.

Mutter Baby Körpergefühl

Windelfrei ist Kommunikation

Zunächst einmal geht es bei Windelfrei um Kommunikation. Kleine Babys machen sich bemerkbar, wenn sie mal müssen. Da das viele Menschen nicht wissen, kommt es zu Missverständnissen in der Kommunikation: Das Baby meckert, weil die Blase drückt und die Eltern suchen nach dem Grund: Hunger? Müde? Kuschelbedarf? Da „Blase voll“ auf der üblichen Liste der Möglichkeiten gar nicht vorkommt, wird das Baby in diesem Fall also zwangsläufig missverstanden. Wenn das immer wieder so ist, wird das Baby nach einigen Monaten diese einseitige Kommunikation aufgeben und sich nicht mehr melden, wenn die Blase drückt. Mit Windelfrei hast du eine Möglichkeit mehr, auf die Bedürfnisse deines Babys einzugehen. Missverständnisse werden wie überall im Leben weiterhin vorkommen, aber ihr lernt euch mit der Zeit gegenseitig immer besser verstehen.

Mutter Baby Kommunikation

Windelfrei ist Körpergefühl

Anfangs kann das Baby die Vorgänge und Gefühle im Körper noch nicht richtig zuordnen. Es fängt an zu weinen und meldet damit: Mama, Papa, irgendetwas fühlt sich nicht gut an! Helft mir bitte! Mit der Zeit lernt es mit eurer Hilfe die Wahrnehmungen zu unterscheiden und zuzuordnen.

Ich habe Hunger – ich trinke Milch – ich werde satt – es geht mir wieder gut.

Die Blase drückt – ich entspanne den Schliessmuskel – es wird nass – ich bin erleichtert.

Vollzeit gewickelte Kinder lernen, das Gefühl zu ignorieren. Mit den supersaugfähigen Wegwerfwindeln fällt sogar das Nässegefühl weg. Wenn es dann ums „Sauber werden“ geht, müssen sie die Zusammenhänge erst neu herstellen. Wie lange das dauert, ist von Kind zu Kind sehr verschieden.

Windelfreien Kindern bleibt das Körpergefühl erhalten und sie lernen es mit der Zeit immer besser zu differenzieren. Beim letzten Schritt, dem „Sauber werden“, haben sie es dadurch leichter.

Und was ist mit der neurologischen Reife?

Mutter Baby natürlich

Windelfrei ist natürlich

Selbst wer keine Kinder hat, kennt meist das Phänomen zumindest aus Erzählungen: Sobald auf dem Wickeltisch die Windel ab ist, fängt das Baby in hohem Bogen an zu pinkeln. Babys wollen sich instinktiv nicht schmutzig machen. Ist der Windelbereich frei, verstehen sie es als Zeichen: Jetzt ist ein guter Moment mich zu entleeren!

Menschen der Naturvölker in warmen Regionen der Erde, die ihre Babys nackt auf dem Arm tragen, werden nicht ständig vollgepinkelt. Sie kennen die Zeichen ihrer Babys und können sie rechtzeitig abhalten, wenn sie müssen. Das ist die einfachste und ursprünglichste Form von Windelfrei. Aber auch für unsere Lebensgewohnheiten und Klimabedingungen gibt es Lösungen, das Baby im Sauberbleiben zu unterstützen.

Mutter Baby individuell

Windelfrei ist gesund

Windelausschlag wird als normale Erscheinung im Babyalter hingenommen, um die kaum ein Kind herum kommt. Die Windel ist eine warme, feuchte Kammer und bildet einen idealen Nährboden für Bakterien und Pilze. Windelfreie Babys haben sehr viel weniger Hautkontakt mit Urin und Stuhl. Nasse Windeln oder Backup-Einlagen werden in der Regel zügig gewechselt, so dass Windelausschlag vermieden werden kann. Das erspart deinem Baby eine sehr schmerzhafte Erfahrung!

Manche Eltern berichten auch, dass ihre Babys sich weniger mit Bauchschmerzen oder Koliken herumquälen. Das Abhalten erleichtert die Ausscheidung durch die Unterstützung der natürlichen Hockposition.

Mutter Baby gesund

Windelfrei ist individuell

Windelfrei ist dann eine Bereicherung für euer Leben, wenn es einfach umzusetzen ist und euch Freude bereitet. Sobald die Ziele zu hoch gesteckt sind und in irgendeiner Form Druck ausgeübt wird, stört das die Kommunikation und es endet in Frust. Ein wichtiger Leitsatz im Artgerecht-Projekt lautet daher: „Windelfrei ist kein Supermutter-Contest!“ Schau, was in eurer Lebenssituation aktuell entspannt umsetzbar ist, und probier es aus. Ob nur unterwegs oder auch zu Hause Windeln zusätzlich benutzt werden, ob es Stoff- oder Wegwerfwindeln sind, ob nachts auch Windelfrei praktiziert wird – manches kann man planen, vieles ergibt sich im Alltag. Ausprobieren lohnt sich, und was mehr Stress als Freude bereitet, sollte wieder überdacht werden. Die Bedürfnisse des Babys ändern sich sowieso immer mal wieder, da gilt es flexibel und kreativ zu bleiben. Phasen, in denen es nicht so läuft wie du es dir vorgestellt hast, solltest du nicht als persönliche Niederlagen empfinden. Auch Babys, die z.B. „nur“ nach dem Schlafen, Stillen und beim Wickeln abgehalten werden, behalten das Körpergefühl für ihre Ausscheidungen. Es ist also alles möglich, trau dich und fang einfach an!